Offener Leserbrief des VdeH als Antwort auf den Beitrag „Verbietet Werbung für E-Zigaretten!“ in der Hamburger Morgenpost (17. Oktober 2019) von Theo Baumgärtner, Suchtforscher, Sucht.Hamburg gGmbH.

Sehr geehrter Herr Baumgärtner,

mit Interesse habe ich Ihren Beitrag „Verbietet Werbung für E-Zigaretten!“ in der Hamburger Morgenpost vom 17. Oktober 2019[1] zur Kenntnis genommen.

Da Sie mich darin namentlich erwähnen, möchte ich gerne Stellung zu den von Ihnen getroffenen Aussagen nehmen.

Mit großer Verwunderung stelle ich zunächst fest, dass Ihnen, als Suchtforscher, die Quelle für meine Aussage, nur 0,9% der Jugendlichen würden in Deutschland E-Zigaretten nutzen, offenbar nicht bekannt ist. Die Zahlen stammen aus der renommierten „Deutschen Befragung zum Rauchverhalten“ (DEBRA-Studie), die regelmäßig bundesweit repräsentative Befragungen durchführt und von Prof. Daniel Kotz von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf verantwortet wird. Sie wurde zuvor vom Bundesgesundheitsministerium und nun vom Büro der Drogenbeauftragten der Bundesregierung finanziert, womit ihre Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit nicht anzuzweifeln sein dürften.

Die Studie, die weithin bekannt und anerkannt ist und von uns auch vielfach referenziert wird, kommt nicht nur zu dem Ergebnis, dass die Zahl der jugendlichen E-Zigarettennutzer von 2,8% im Vorjahr auf aktuell (Mai 2019) 0,9%, also um zwei Drittel, gesunken ist[2], sondern auch, dass 99,7% der aktuellen E-Zigarettennutzer (ehemalige) Raucher sind[3].

Die Studie wertet die aktuelle Nutzung aus, Sie hingegen berufen sich in ihren zitierten Quellen auf die 30-Tage-Prävalenz, bei der die Befragten angeben, ob sie innerhalb der letzten 30 Tage eine E-Zigarette mindestens ein Mal probiert haben. Gleiches gilt für sämtliche anderen von Ihnen aufgeführten Quellen[4].

Dass gerade die Altersgruppe der unter 18-Jährigen Dinge ausprobiert, die sie nicht nutzen sollte, verwundert nicht. Ja, der Probierkonsum ist hoch und es sollten Maßnahmen unternommen werden, diesen zu senken. Und die Branche trägt dazu bei: Der Jugendschutz wird streng angewandt, Verbände engagieren sich bei der Schulung des Verkaufspersonals[5], stellen dem Handel Informationen und Ab-18-Hinweisaufkleber zur Verfügung, vereinbaren Leitlinien für verantwortungsvolle Werbung[6].

Ein Vergleich mit der DEBRA-Studie zeigt aber, dass dieser Probierkonsum eben nicht zum regelmäßigen Konsum führt, die Anzahl der die E-Zigarette regelmäßig nutzenden Jugendlichen sinkt erfreulicherweise sogar. Dies passiert in Zeiten, in denen die E-Zigarette immer weitere Verbreitung findet und immer breitflächiger verfügbar wird und zu einer Zeit, in der Außenwerbung dafür noch erlaubt ist. Hätte Werbung also einen Einfluss auf die, wie sie schreiben, „zunehmende Beliebtheit unter Jugendlichen“, müsste sich das in den tatsächlichen Nutzungszahlen widerspiegeln. Das Gegenteil ist aber der Fall. Dies verdanken wir dem funktionierenden Jugendschutz in Deutschland.

Die von Ihnen aus der 30-Tage-Prävalenz gezogenen Schlüsse verbieten sich, ebenso wie die Behauptung, die von uns genannten Zahlen seien unzutreffend, da sie mit den von Ihnen genannten schlicht nicht vergleichbar sind. Welche der Zahlen aussagekräftiger ist, mag der geneigte Leser selbst entscheiden.

Sie schreiben auch, dass ebenfalls billigend in Kauf genommen werde, dass die Nutzung von E-Zigaretten mit erheblichen gesundheitlichen Gefahren verbunden sei. Dazu ist festzustellen, dass niemand behauptet, E-Zigaretten seien völlig risikofrei. Die Frage aber, die man sich stellen muss, lautet nicht, wie schädlich die E-Zigarette im Vergleich zur frischen Bergluft ist, sondern, wie sie im Vergleich zum Tabakrauch abschneidet. Sie ist, und das ist ein von Ihnen in Ihrem Beitrag ignorierter wissenschaftlicher Konsens, erheblich weniger schädlich als der Konsum von Tabakzigaretten.

Zu diesem Schluss kommen von Experten und anerkannte wissenschaftliche Institutionen wie das Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ)[7], das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR)[8], das Royal College of Physicians[9], die Exekutivagentur des britischen Ministeriums für Gesundheit und Soziales Public Health England[10], die University of Edinburgh / Cancer Research UK[11] und viele andere mehr.

Auch im kürzlich veröffentlichten Alternativen Drogen- und Suchtbericht 2019[12], der Ihnen als Suchtforscher sicherlich bekannt ist, stellt Ihr Kollege Prof. Heino Stöver, ebenfalls Suchtforscher, fest, dass die E-Zigarette deutlich weniger schädlich ist als die Tabakzigarette und in Deutschland die wissenschaftliche Evidenz anerkannt gehört und die große Chance für die öffentliche Gesundheit ergriffen werden muss.

In Ihrem Beitrag schweigen Sie sich bedauerlicherweise zu den Vorteilen, die die E-Zigarette für die Risikoreduzierung bei erwachsenen Rauchern zweifellos bietet, aus und tragen zur Desinformation der Bevölkerung bei. Wenn diese, entgegen der wissenschaftlichen Fakten, zum überwiegenden Teil glaubt, E-Zigaretten seien mindestens genauso schädlich wie, wenn nicht sogar schädlicher als Tabakzigaretten, ist dies eine beunruhigende Sichtweise, die berichtigt gehört.

Und das führt mich direkt zum letzten Punkt: Werbung ermöglicht es, der vorherrschenden Desinformation zu begegnen und die Öffentlichkeit aufzuklären. Dass dies auf eine verantwortungsvolle Weise geschehen muss, versteht sich von selbst. Daher haben die Verbände in Deutschland auch Werbeleitlinien entwickelt, die beispielsweise an Jugendliche gerichtete Werbung ablehnen[13].

Solange die Fehlvorstellungen der Verbraucher anhalten und solange öffentliche Stellen nichts unternehmen, um erwachsene Raucher zum Umstieg und Ausstieg zu motivieren, muss es der Branche möglich bleiben, genau dies zu tun.

Das Urteil darüber, ob Ihr Artikel die Interessen und die Gesundheit der erwachsenen Raucher berücksichtigt, überlasse ich an dieser Stelle den Leserinnen und Lesern.

Mit freundlichen Grüßen

Michal Dobrajc
Dipl.-Jur., Erster Vorsitzender

Quellen

[1] https://www.mopo.de/hamburg/die-neue-sucht-hamburger-drogenforscher-fordert–verbietet-werbung-fuer-e-zigaretten–33325310

[2] https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/suchtkrankheiten/article/989184/e-zigaretten-tabakerhitzer-anstieg-einstieg-ausstieg.html

[3] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29716687

[4] https://www.sucht-hamburg.de/information/aktuelles/311-ergaenzende-informationen-hamburger-morgenpost

[5] https://www.jugendschutz-handel.de/

[6] https://vd-eh.de/wp-content/uploads/2019/05/werbekodex_vdeh-bftg_05-2019.pdf

[7] https://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/e-zigaretten-in-den-usa-vitamin-e-azetat-koennte-ursache-fuer-todesfaelle-sein-a-1285538.html

[8] https://www.br.de/radio/bayern1/e-zigaretten-gefaehrlich-100.html

[9] https://www.rcplondon.ac.uk/guidelines-policy/e-cigarettes-inquiry,
https://www.rcplondon.ac.uk/projects/outputs/nicotine-without-smoke-tobacco-harm-reduction-0,
https://www.rcpe.ac.uk/sites/default/files/jrcpe_48_4_mathur.pdf

[10] https://www.gov.uk/government/news/phe-publishes-independent-expert-e-cigarettes-evidence-review

[11] https://www.cancerresearchuk.org/health-professional/awareness-and-prevention/e-cigarette-hub-information-for-health-professionals/e-cigarette-statement,
https://www.cancerresearchuk.org/sites/default/files/rcgp_e-cig_position_statement_approved_060917_clean_copy.pdf

[12] https://alternativer-drogenbericht.de/wp-content/uploads/2019/07/akzeptADSB2019.pdf

[13] https://vd-eh.de/wp-content/uploads/2019/05/werbekodex_vdeh-bftg_05-2019.pdf